Hundert Jahre Yellow Kid -
Jahrtausende der grafischen Literatur

Martin Weichert
1996

Dieser Artikel erschien im Original auf Esperanto in der Zeitschrift Literatura Foiro.

[Yellow Kid] 100 Jahre nach ihrer "Geburt" werden Comics endlich für voll genommen -- auch in Esperanto. Vor 100 Jahren, genauer gesagt am 16. Februar 1896, brachte die New York World in ihrer Sonntagsbeilage die gezeichnete Figur eines Lausbuben im langen gelben Nachthemd. Der Zeichner hieß Richard Outcault, und seine Figur, die seit jenem Tag regelmäßig jeden Sonntag erschien, erhielt den Namen The Yellow Kid. Das Erscheinen der Zeichenfigur mit der ungewöhnlichen Farbe war ein großer Erfolg für die Zeitung und für ihren Besitzer Joseph Pulitzer, und zu recht könnten wir heute das hundertjährige Jubiläum der erfolgreichen Verwendung gelber Druckfarbe in einer Tageszeitung feiern. Trotz dieses - sicherlich beachtlichen - Meilensteins in der Geschichte der Drucktechnik ist Yellow Kid heute eher wegen einer ganz anderen Pionierleistung bekannt: Einige sehen in diesem Ereignis die Geburtsstunde einer neuen Kunstart - der grafischen Literatur.

Ein Anlass zum Feiern? Welche Rolle spielte dabei denn nun wirklich Yellow Kid? Und was vor allem ist denn eigentlich grafische Literatur?

Comics, bandes dessinées, tegneserier, bildstrioj -- so unterschiedlich wie die Bezeichnungen für das Phänomen in verschiedenen Sprachen sind auch die Definitionen. Für manche bedeuten Comics ungefähr: "bunte Heftchen ohne künstlerischen Wert, mit lächerlich gezeichneten Figuren und primitiver Sprache, voller Schmutz und Schund, der unsere Jugend verdirbt". Leider halten sich derartige Feindbilder bis auf den heutigen Tag! Sie bedrohen und behindern, früher wie heute, die Entwicklung, ja sogar die reine Existenz der grafischen Literatur. Eine Erklärung, worum es eigentlich geht, tut not.

Grafische Literatur - die neunte Kunst

Grafische Literatur ist die Kunst, mit einem Nebeneinander an Bildern zu erzählen.

Man spricht auch von der sequenziellen Kunst (1) oder der neunten Kunst: Zu den klassischen "sieben Künsten" gesellten sich in unserer Zeit zwei neue dazu - das Kino (das mit aufeinanderfolgenden oder "bewegten" Bildern erzählt) und die grafische Literatur, die in ihrer modernen Form etwa gleich jung ist wie das Kino (und wie Esperanto), in ihren Wurzeln jedoch viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende zurück geht. Ich werde hier nicht die Geschichte der grafischen Literatur in allen Einzelheiten darstellen. Eine solche Aufzählung wäre lang und könnte Beispiele bringen, die von hieroglyphengeschmückten ägyptischen Bilderreihen über mittelalterliche Heiligenlegenden bis zum berühmten Teppich von Bayeux und weiter bis in unsere Zeit reichen. Sie alle haben gemeinsam, dass mehrere Bilder nebeneinander gesetzt einen Ablauf von Ereignissen erzählen. Könnte ein einzelnes Bild die Leidensgeschichte des Hl. Erasmus erzählen, oder die Eroberung Englands durch die Normannen? Ein einzelnes Bild, wie realistisch auch immer in der Darstellung, ist doch immer auf die Darstellung eines Augenblicks beschränkt. Eine Bildfolge, eine Sequenz, eröffnet der Bildkunst eine völlig neue Dimension: die zeitliche. Eine Bildsequenz kann erzählen: Anekdoten, Geschichten, Novellen, Romane. (Eine Bilderzählung der letztgenannten Sorte nennt man einen grafischen Roman (2), wenn auch einige, wie der 4000-seitige Cerebus von Dave Sim von Umfang und Tiefe her eher die Bezeichnung "Epos" verdienen). Eine Bilderzählung, wie eine lyrische oder eine Prosaerzählung, hat einen Aufbau und einen zeitlichen Ablauf. Manch eine Bilderzählung mag dem Aufbau eines griechischen Dramas folgen, mit Einleitung, Steigerung, Klimax, Abschluss; andere eher dem einer Novelle, eines Romans oder sonst einer literarischen oder dramatischen Form, wenn sie sich nicht lieber ihre eigene ausdenkt. Unsere Sprache verrät uns: Wir "betrachten" ein Bild, aber wir "lesen" eine Bilderzählung - selbst wenn diese Bilderzählung kein einziges Wort enthält!

Trotz seiner langen Geschichte blieb die grafische Literatur immer im Schatten seiner "Paten" Bildkunst und Literatur, von den "großen" Künsten meist einfach nur "übersehen", teils aber auch als unerwünschter Bastard verfolgt und verstoßen. Erst in unserem Jahrhundert begann man die grafische Literatur als eigene Kunstform wahrzunehmen, die ihre eigene Sprache, ihre eigenen Ausdrucksmittel und ihre eigenen Fähigkeiten hat. Vor allem die Künstler, die Bilderzähler selbst waren es, die durch Ausprobieren und durch Mut zum Neuen diese eigene Sprache entdeckten, oder treffender: sie erschufen.

Von der Bildergeschichte zum Comic

Die frühen Bildgeschichten des 19.Jahrhunderts kannten diese neue Sprachen größtenteils noch nicht. Jedes Bild stellt eine Szene dar, wie sie sich dem Auge darstellt, während der begleitende Text in normaler, fortlaufender Lyrik oder Prosa alles erklären muss. Diese Art der grafischen Literatur nennen wir textgeführt. Zu den Pionieren der (textgeführten) grafischen Literatur im 19. Jahrhundert gehörte der Schweizer Rodolphe Töpffer, der wiederum nicht nur (möglicherweise) den Schweden Fritz von Dardel, sondern vor allem den meisterhaften Wilhelm Busch inspirierte. Dessen wohlbekannte, gereimte Bildergeschichte Max und Moritz erschien in Esperanto in nicht weniger als vier verschiedenen Übersetzungen als Maks kaj Moric/Morits/Moritz! Seit dem Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann findet diese Form vor allem in Kinderbüchern Verwendung.

In der textgeführten Bildergeschichte sind die Worte noch misstrauisch gegenüber den Bildern - sollten jene wirklich alles darstellen können? Direkte Rede, Gedanken, Bewegungen, Zeitsprünge, alle Sinneseindrücke der anderen Sinne - es gibt ja so viel zu erzählen, was das Auge nicht sieht! Was die Bilder noch nicht fähig waren auszudrücken, das lernten sie hinzu. Sie lernten, aus den engen Grenzen der wirklichkeitsgetreuen Darstellung auszubrechen und sich von dem steuernden Text zu befreien. So wie der Tonfilm die Texttafeln des Stummfilms überflüssig machte, so entledigte sich auch die Bildergeschichte des Leittextes und begann, das gesprochene Wort mit Hilfe von "Sprechbehältern" ins Bild zu integrieren - eine geniale Erfindung, die geradezu zum Markenzeichen der modernen grafischen Literatur geworden ist. Dabei ist sie keineswegs neu! "Sprechbänder" zieren die Münder biblischer Figuren in alten Kirchengemälden; englische Karikaturen des vorigen Jahrhunderts hatten schon eine Art "Sprechwolken". Yellow Kid schließlich hatte als "Sprechbehälter" für seinen eigenwilligen Slang - sein Nachthemd! Doch schon im Jahr darauf bekam er Konkurrenz, als in New York Rudolph Dirks die Lausbuben Max und Moritz als The Katzenjammer Kids wiederauferstehen ließ und sie mit den auch heute üblichen Sprechblasen und Bewegungs- und Kollisionslinien versah. Endlich hatten sich die Bilder von ihrem (beg)leitenden Text befreit - es entstand die "wahre", die bildgeführte Bildergeschichte, die also keinen fortlaufenden Leittext mehr hat.

In der bildgeführten Bildergeschichte müssen die Bilder alle die Aufgaben übernehmen, die bislang vom Text wahrgenommenwurden. Schaffen sie das? O ja, über alle Erwartungen gut! Wenn auch einzelne Textelemente innerhalb der Bilder erscheinen können (um z.B. gesprochenes Wort, Geräusche, Gedanken oder Erklärungen anzuzeigen), so entdeckt man auf einmal, wie gesprächig Bilder werden können! Die Bilder lernten Kniffe und Tricks, die die Prosaliteratur schon lange kannte: sie begannen auf einmal, sich metaphorisch, "in Bildern" auszudrücken. Ein Schreckenserlebnis kann dem Bildhelden buchstäblich "die Haare zu Berge stehen" lassen, oder das "frostige Gesprächsklima" zeigt sich in Form einer vereisten Sprechblase. Selbst Faktoren "außerhalb" des Bildes werden auf einmal mit Aufmerksamkeit bedacht: auch die Bilderrahmen, der Bilderzwischenraum, die Anordnung der Bilder auf der Seite oder der weiße(?) Seitenrand können, gezielt eingesetzt, zur Ausdruckskraft der Bildergeschichte beitragen. So sind die Bilder jetzt auch nicht mehr einzeln für sich zu betrachten, sondern als eine Komposition, die ein gemeinsames Ganzes darstellt: den Comic.

Erst vor kurzem haben einzelne Forscher, wie Will Eisner (*) und Scott McCloud (*), beide selbst wichtige Comic-Künstler, begonnen sich ernsthaft mit der Sprache/den Sprachen der grafischen Literatur auseinanderzusetzen. Dem Thema angemessen, präsentiert McCloud seine Abhandlung selbst - in Comic-Form!

Knollennasen und sprechende Tiere

Wie die umfangreichen Werke W. Buschs, bestanden auch die ersten wahren Comics, um die Jahrhundertwende, meist aus Lausbubenstreichen und anderem (oft derbem) Humor - daher auch der Name "Comic", der aber inzwischen die ganze Kunstform bezeichnet und nichts mehr über den Inhalt aussagt. Die Protagonisten der humorvollen Bildergeschichten sind oft als Karikaturen überzeichnete Menschen, oder aber auch Tiere, wie z.B. der Klassiker Krazy Kat von George Herriman. Dieses Genre der grafischen Literatur wird im Deutschen auch als "Funny-Comics" bezeichnet.

Redet man von Comics, insbesondere von "Funnys", so kommt man nicht drumherum, Walt Disney zu erwähnen, den "Vater" von Micky Maus und Donald Duck. Die Disney-Comics sind allerdings nicht von Disney selbst gezeichnet, sondern von einem Heer angestellter Zeichner, die nur selten in den Genuss der Anerkennung kommen, die ihnen eigentlich gebührt. Unter den wenigen, die es geschafft haben, trotz der großen übermacht des Disney-Imperiums unter eigenem Namen bekannt zu werden, sind die Enten-Künstler Don Rosa und Carl Barks zu nennen. Auch wenn der größte Teil der Disney-Comics inzwischen in Skandinavien produziert werden, sind die Figuren weltweit als Markenzeichen der US-Kultur bekannt, und nicht ohne Grund wirft man ihnen unter anderem amerikanischen Kulturimperialismus vor (*).

Seit den Anfangstagen der Comics gehört Humor zu dessen wichtigsten Gebieten.

Übermenschlich

In den dreißiger Jahren begannen die Comics ein neues Gebiet zu erobern, das sich seither zu ihrer zweiten wichtigen Basis entwickelt hat: Abenteuergeschichten. Das Universum der Comics füllte sich mit Cowboys und Indianern, Räubern und Gendarmen, Detektiven, Agenten, Piloten, Astronauten, mit Helden über Helden bis schließlich hin zu den Superhelden. Das Genre der Superheldengeschichten ist insofern einzigartig, als es in der grafischen Literatur entstanden ist und jetzt nach und nach auch in andere Kunstarten hervordringt, insbesondere ins Kino durch eine Reihe von Verfilmungen von Superhelden-Comics. Der erste Superheld und Prototyp seiner Gattung ist Superman, mit den drei typischen Merkmalen eines Superhelden: 1. übermenschliche Fähigkeiten, 2. ein hautenges, buntes Trikot und 3. ein heimliches Doppelleben als unauffälliger Alltagsmensch einerseits und furchtloser Kämpfer gegen Superschurken andererseits. Batman, Spiderman, Captain America und Hunderte andere folgten.

Meistens (aber nicht immer) sind die Personen in den Abenteuergeschichten in einem realistischeren Stil gezeichnet als in den Witzgeschichten. Mit den Detektivgeschichten über Tim und Struppi (kein Super-, sondern ein "gewöhnlicher" Held) führte der Zeichner Georges Remi alias Hergé den Stil der "ligne claire" ein, der viele Nachahmer fand.

Unterirdisch

In den USA der 50-er Jahre herrscht Kalter Krieg, MacCarthyismus und Angst vor "unamerikanischen Aktivitäten". In jenem Klima des politischen Verfolgungswahns entdeckt man plötzlich die Comics als neues Feindbild und "Verderber der Jugend". Vor allem ein Buch, Seduction of the Innocent von Fredric Wertham (*), löste einen Kreuzzug gegen Comics aus, der bis nach Europa übergriff. Die bunten Heftl wurden aus Bibliotheken geworfen, aus den Schulen verbannt, öffentlich verteufelt und zum Scheiterhaufen verurteilt, und sie zu lesen war den Kindern selbstverständlich verboten. Um wenigstens einen Teil ihres ramponierten Ansehens zu retten, sahen sich die Comicmacher in den USA schließlich zu einer Selbstzensur in Form der "Comics Code Authority" gezwungen, die die Comics in "gute" und "schlechte" aufteilte. Von dieser Scheidelinie profitierten Disney und "gute" populäre Helden wie Micky Maus und Superman mit leichtverdaulicher Unterhaltung. Anderen Comics, die die Zensurbeschränkungen gegen Sex, Drogen, Gewalt nicht zu akzeptieren bereit waren, blieb der normale Markt verschlossen, was zur Entstehung einer wachsenden "Untergrund"-Comics-Kultur in USA und Europa beitrug. Eine herausragende Gestalt dieser Subkultur war Robert Crumb, der so frivol erotische Comics wie Fritz the Cat schuf und viele spätere Comics-Künstler beeinflusste.

Alltag und Politik

In einigen Ländern (leider nicht so in Deutschland!) sind Comics ein beständiger und beliebter Einschlag in vielen Tageszeitungen. Ein Zeitungs-Comicstrip ist ein Comic, der in einzelnen, kurzen Folgen fortlaufend in der Tageszeitung erscheint, im allgemeinen mit einem "Streifen" pro Tag immer unter der gleichen Rubrik und im gleichen Format, das typischerweise für drei bis vier Rahmen reicht. Auch wenn die Folgen insgesamt, fortlaufend gelesen, eine längere Erzählung darstellen können, ist üblicherweise auch jede einzelne Folge mit einer Pointe abgeschlossen, die witzig oder oft auch zynisch oder satirisch sein kann.

Viele von ihnen kommentieren die Tagespolitik. Schon in den 30-er Jahren erschien in Wien der mutige Anti-Nazi-Comic Tobias Seicherl. In USA erscheint der Tagesstrip Doonesbury von G. B. Trudeau, der die Tagespolitik kritisch begleitet und dafür als erster Comic den angesehenen Pulitzer-Preis erhielt.

Ein anderes häufiges Thema ist das Familienleben. Selbst wenn in ihnen Kinder die Hauptrolle spielen, werden ihre philosophischen oder gesellschaftskritischen Kommentare oft gerade von den Erwachsenen geschätzt, so wie in Peanuts mit Snoopy von Charles M. Schulz oder Calvin und Hobbes von Bill Watterson, oder in Südamerika Mafalda von Quino.

Die unbeschreiblichen Schrecken von Auschwitz und Hiroshima zu beschreiben wagten die grafischen Künstler Art Spiegelman und Nakazawa Keiji. Für seinen biografischen, grafischen Roman Maus wählte Spiegelman die symbolschwere Darstellung der Juden als Mäuse und Nazis als Katzen. Aus Japan, einem Land mit einer eigenen, von der amerikanisch-europäischen ganz unabhängigen Tradition der grafischen Literatur, kommt Nakazawas Barfuß in Hiroshima (auf Esperanto unter dem Titel Nudpieda Gen erschienen), das den Kriegsalltag des Jungen Nakaoka Gen und seiner Mutter im nach-atomaren Hiroshima schildert.

Esperanto und grafische Literatur

Comics und Esperanto haben, außer ihrem ungefähr gleichen Alter, noch etwas weiteres gemeinsam: Beide sind eher eine Minderheits- oder Subkultur. Es ist daher nicht weiter überraschend, dass die Ausbeute an Comics auf Esperanto eher spärlich ist: Nur ein paar -zig Titel sind zu finden, und an Titeln von vor 1970 fast überhaupt keine.

Übersetzungen ins Esperanto

Mehrere Länder haben mit Übersetzungen ihrer nationalsprachigen Comics beigetragen.

Mehr als die Hälfte der esperantosprachigen grafischen Literatur sind Kinderbücher, darunter eine große Zahl von Bilderbüchern, die in den letzten vierzig Jahren in der Volksrepublik China erschienen.

Abgesehen von den Kinderbüchern aus China war jedoch die Herausgabe von grafischer Literatur auf Esperanto sehr spärlich bis zum Ende der 70-er Jahre. 1961 erschien in Frankreich La Eta Princo (Der kleine Prinz) von Antoine de Saint-Exupéry. Im selben Jahr und im selben Land erblickte Astérix von Goscinny und Uderzo das Licht der Welt, doch dauerte es mehr als zehn Jahre, bis 1979 Asteriks la gaulo auf Esperanto beim Herausgeber auch des deutschen Asterix erschien. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen übersetzungseifrigen Esperantisten und einem nicht-esperantistischen Verlag wiederholte sich leider nicht. Sei es, dass die Kräfte für weitere Übersetzungen fehlten, oder dass Verlag abgeneigt war, in den wenig Gewinn versprechenden Esperanto-Markt zu investieren, jedenfalls blieb dieser Asterixband die nächsten zwei Jahrzehnte lang der einzige auf Esperanto.

Zu Beginn der ergiebigeren 80-er Jahre gab der Ungarische Esperanto-Bund mehrere literarische Werke heraus, u.a. den Pharao von Boleslaw Prus, in Bilderform erzählt von Tibor Cs. Horváth. Der erwähnte Tim und Struppi debütierte in Esperanto als Tinchjo in zwei Alben von Casterman und Esperantix. Zwei deutsche Klassiker wurden neu übersetzt: Aus dem Struwwelpeter wurde in Esperanto der Hirthara Petro, und von Max und Moritz kamen sogar drei verschiedene Übersetzungen innerhalb von drei Jahren heraus.

Unterdessen erschien in Japan der erwähnte Nudpieda Gen (Hadashi no Gen) von Nakazawa Keiji. Der Moskauer Verlag Progreso (Fortschritt) steuerte 1989 mit drei Bänden über die russische Revolution zur Bildliteratur ernsteren Inhalts bei, und ein gleichnamiger Verlag in Schweden veröffentlichte Kinderbücher guter Qualität, u.a. die fünfbändige Reihe Plupo von Inga Borg.

Anfang der 90-er Jahre würdigten Ghislaine Tilleux (Text) und Bruno Disano (Bilder) den Initiator Esperantos mit dem gleichnamigen Comic Zamenhof auf französisch, der auch (u.a.) ins Esperanto übersetzt wurde. Und schließlich nimmt der kroatische Verlag Izvori die Stafette wieder auf und beschert uns mehrere neue Asteriks-Alben.

Comics original auf Esperanto

Über die Original-Bildliteratur auf Esperanto einen Übersicht zu bekommen ist keine leichte Aufgabe, da diese, ähnlich den "Underground"-Comics anderer Sprachen oft in kleinen, wenig bekannten Verlagen oder im Eigendruck erscheint, oder auch in Bruchstücken hie und da in der Esperanto-Presse verteilt.

Die Auszeichnung für den ersten Comic mit originalem Esperanto-Text verdient wahrscheinlich - ein Nicht-Esperantist! Schon 1971 erschien ein Werk, das in "Esperantoland" so gut wie unbekannt ist (3), da weder sein Autor noch die erwartetete Leserschaft zu den Esperantisten zählen. In dem zweisprachigen Phantasy-Comic Rowlf lässt Richard Corben, wenig schmeichelhaft für uns, die feindlichen Monsterbestien Esperanto sprechen, während die "Guten" normales Englisch benutzen. Inspiriert wurde Corben nach eigener Aussage dadurch, dass die US-Armee in ihren Manövern Esperanto als "Sprache des Aggressors" benutzte. Ansonsten hat er keine, sei es positiven oder negativen, Beziehungen zu Esperanto (4).

Zu den ersten echt auf Esperanto geschriebenen Bilderzählungen gehören Noktoj ("Nächte") und Rejn-Or' ("Rheingold") von Serge Sire, in den 70-er Jahren von der Zeitschrift «La KancerKliniko» veröffentlicht. In den folgenden Jahren erschienen verschiedene Comics, oft Parodien, in verschiedenen Esperanto-Jugendzeitschriften: Die britische «Kial Ne» druckte La aventuroj de SuperZam ("SuperZams Abenteuer"), «Kontakto» druckte La tentaklo ("Der Tentakel"), und verschiedene kleinere Stücke erschienen hier und da in «GEJ-Gazeto», «Rok-Gazet'» u.a. Unter anderem brachte «Kata Luno» mehrere Werke von Arnau Torras; einige davon, vor allem D-ro SenEsperanto, sind inzwischen als freistehende Alben veröffentlicht. Auch zur bebilderten Literatur gehört die textgeführte Erzählung für Kinder La arbo kiu forkuris ("Der Baum, der weglief") von Martin Burkert. Obwohl es in Esperantoland keine Tageszeitungen gibt, gibt es einen Zeitungs-Comicstrip: Gogo, la testudo ("Die Schildkröte Gogo") von Martin Weichert erscheint in verschiedenen Esperanto-Zeitschriften mit satirischen Kommentaren über die Esperanto-Bewegung.


Fußnoten

  1. Der Ausdruck "sequential art" stammt von Will Eisner. (zurück)
  2. Auch die Bezeichnung "graphic novel" ist eine Schöpfung von Will Eisner. (zurück)
  3. Der leider viel zu früh verstorbene Berliner Esperantist Hermann Tautorat machte mich mit Rowlf bekannt. (zurück)
  4. Corben und Esperanto: Persönliche Mitteilung. (zurück)

Literatur

Daniel Atterbom (Hrsg.): Bild & Bubblas Andra Seriebok.
Lycksalighetens ö, Stockholm, 1992.
Darstellung von wichtigen zeitgenössischen englischsprachigen Comics-Künstlern.
Bild & Bubbla.
Mitgliedszeitschrift von Svenska Seriefrämjandet, Schwedische Vereinigung zur Förderung von Comics.
Comic-Welten: Das Album.
Edition Comic Forum, Wien, 1992.
Ein Comic über Comics.
Ariel Dorfman, Armand Mattelart: Walt Disneys "Dritte Welt": Massenkommunikation u. Kolonialismus bei Micky Maus u. Donald Duck.
Basis-Verl., Berlin, 1977. ISBN 3-88025-406-0.
Orig. Para Leer al Pato Donald. Ediciones Universitarias de Valparaiso, Chile, 1971.
Über imperialistische Ideologie in Disney-Comics. (Bezieht sich auf die in Chile erschienen Ausgaben, die allerdings nicht immer mit denen in anderen Ländern übereinstimmen.) (zurück)
Will Eisner: Comics and Sequential Art.
Kitchen Sink Press, Princeton, 1992.
Eines der besten Handbücher zum Comics-Zeichnen. (zurück)
Scott McCloud: Comics richtig lesen.
Carlsen-Studio, 1994. ISBN 3-551-72113-0.
Orig. Understanding Comics.
Eine 200-seitige Abhandlung über Comics - in Comic-Form!
(zurück)
Fredric Wertham: Seduction of the Innocent.
Rinehart, NY, 1954.
"Verführung der Unschuldigen".
Der New Yorker Psychiater Wertham entdeckt Comics als die Ursache von Jugendkriminalität, Geistesschwäche und Homosexualität. (zurück)

Externe Links (eine Auswahl)

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Literatur + Bilder = grafische Literatur ?

Nicht jeder Text mit Bildern ist schon "grafische Literatur". Häufig wird eine schon vorhandene Geschichte später mit Illustrationen versehen. Verschieden Textausgaben können mit verschiedenen (oder auch ganz ohne) Illustrationen erscheinen. Dies wird besser als illustrierte Erzählung bezeichnet.

Im Gegensatz dazu steht die grafische Literatur mit der Bilderzählung, in denen die Bilder ein integraler und essenzieller Bestandteil sind und mit der Geschichte zusammen entstanden, entweder in enger Zusammenarbeit von Text- und Bildverfasser oder - zumeist sogar - von ein und demselben Künstler.

Als gemeinsamer Überbegriff für illustrierte Erzählung und Bilderzählung lässt sich bebilderte Erzählung verwenden.

Die Bilderzählungen lassen sich weiter einteilen in textgeführte und bildgeführte (siehe im Text). Als Comics, Bilderzählungen im engeren Sinne, werden oft nur die bildgeführten verstanden.

Einteilung der bebilderten Literatur


Maks+Morits

Diese Szene aus Maks kaj Morits (übersetzt von Rudolf Fischer) erscheint sehr lebhaft durch das herab strömende Wasser, dessen Striche schon sehr den Bewegungslinien moderner Comics ähnelt. Eilt Busch hier seiner Zeit voraus?


Zamenhof

Ein für Esperantisten wohlbekanntes Gesicht: in realistischer Darstellung von Disano ...


SuperZam ... und parodiert von Jano.


Grandbaf Eine Szene au Asteriks kaj la normanoj mit typischen bildsprachlichen Elementen. Die Verwunderung des Normannenhäuptlings sieht man nicht nur an Körperhaltung und Gesichtsausdruck, sondern zusätzlich daran, dass ihm wörtlich "der Hut (oder hier: der Helm) hoch geht", verstärkt durch die "Strahlen" um seinen Kopf und die Sprechblase mit "!". Bewegungslinien und Staubwolken unterstreichen das Heranstürmen von Obelix und Troubadix.


Poeten og lillemor Esperanto in einem Zeitungs-Comicstrip der dänischen Serie Poeten og lillemor von Jørgen Mogensen. Er erschien am 13.8.1993 in der Zeitung "Berlingske Tidende", Kopenhagen, während des Esperanto-Kulturfestivals in der Stadt: "Eigentlich seltsam, dass Esperanto, Volapük oder Inter-lingua sich niemals richtig durchgesetzt hat!" - "Ja, hierzulande muss man sich mit D-Mark verständigen!" (Übers. aus dem Dänischen M. Weichert).


Gogo, 'Viko kaj Kulo Die Schildkröte Gogo mit zwei Freunden: 'Viko und Kulo.


Copyright © Martin Weichert <martinw@cs.chalmers.se> 1996
Dieser Artikel erschien im Original auf Esperanto in der Zeitschrift Literatura Foiro. Nov./Dez. 1996.
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